Wahrnehmung von Bildern und Körpern im Theater

Was mich seit jeher am Theater, an Aufführungen begeistert und immer wieder zu dieser Kunstform zurückkehren lässt, liegt begründet in der Flüchtigkeit der Materie, im Ereignis, das sich in seiner Gegenwart bereits erschöpft und hernach unwiederbringlich verloren ist. Ich möchte anhand der vorliegenden Arbeit einerseits untersuchen, wie sich Theater oder vielmehr die aufscheinenden und sich ablösenden Bilder einer Theatervorstellung, abheben von anderen ästhetischen Praktiken und welche Konsequenzen sich daraus im Bezug auf die Zuschauerwahrnehmung ergeben. Hierfür scheint es mir unerlässlich, im Vorfeld den allgemeinen Begriff des Bildes oder vielmehr die Wahrnehmung eines Bildes anhand vor allem phänomenologischer Ansätze zu klären und nach Übereinstimmungen, aber auch Unterschieden zum Theaterbild zu suchen. Da phänomenologische

Ansätze sich auf die sinnlichen Hintergründe des Denk- und Machbaren beziehen, nach dem Wesen fragen und nach dem, wie etwas sich zeigt, sind sie besonders gut geeignet, Unterschiede zu finden und eine spezifisch auf Theaterbilder bezogene Definition des Aufführungsbegriffes zu formulieren. Nur nach dem Bild zu fragen, würde das Wesen von Aufführung zu einseitig behandeln. Auch der wahrnehmende Zuschauer soll in die Betrachtungen mit einbezogen werden. Wie erlebt sich der Zuschauer in einer Aufführung? Lassen sich Ordnungen festlegen im Bezug auf die Rezeption eines Theaterereignisses? Welche Grundvoraussetzungen spielen überhaupt in die Wahrnehmung hinein und wie lässt sich das Geschehen im Raum im Bezug auf die Zuschauerwahrnehmung entschlüsseln? Im letzten Kapitel gehe ich auf die phänomenale und semiotische Leiblichkeit von sowohl Akteuren als auch Rezipienten ein. Die Aufhebung des Dualismus Körper – Geist und das Verhältnis zwischen Schauspielern und Zuschauern sind Themen, denen in diesem Zusammenhang eine tragende Rolle zukommt und die im Bezug auf den transistorischen Charakter von Theater und Theaterbildern ermöglichen, das entstandene Bild weiter zu verfeinern. 2003 habe ich an der Kunsthochschule Amsterdam im Rahmen meiner Diplomarbeit anhand von Fragebögen empirisch untersucht, wie Zuschauer Aufführungen erinnern und was sie wie berührt. Im Zuge dieser Untersuchungen ist ein Manifest entstanden, das 10 Punkte nennt, wie mit Zuschauern und Räumen zu verfahren ist. Innerhalb des Künstlerkollektivs Kornblum-Rettenmund wurde dieses Manifest 2006 überarbeitet und erweitert. Ich möchte im Anschluss an die vorliegende Arbeit das bereits fünf beziehungsweise sieben Jahre zurückliegende Manifest neu überdenken und meinem Verständnis zum jetzigen Zeitpunkt angleichen.

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